Liebesbriefe deutscher Dichter -
Max DAUTHENDEY an seine Frau


max an mulde

Max Dauthendey an seine Frau
Paris, Sonntag, 17. April 1904,
vormittags 10 Uhr

Liebe Mulde, höre zu,
Meine liebe Mulde Du,
Heut sollst Du in Versen lesen,
Was inzwischen war gewesen.
Kaum tatst Du den Rücken wenden,
Beißt man sich an allen Enden.
Denk Dir, welche Unglückstour:
Mikosch, sanft sonst von Natur,
hat fast das Hotel gefressen,
Als wir eben fortgewesen.

Du und ich fuhren zur Bahn,
Dreyfüßig kam Gräfin an,
Eben als wir aus dem Haus.
Unschuldig sah Mikosch aus.
Im Salon an dem Klavier
Saßen englisch' Damen vier,
Dort schrieb Gräfin ein paar Zeilen,
Und sie sollt ' dann weitereilen.

Plötzlich krachen Fensterscheiben,
Kein Ding will beim andern bleiben.
Mikosch hat die Katz' entdeckt,
Mikosch will, daß sie verreckt.
Hinter ihm durch Spiegelwände
Fliegen Nippes und Damenhände.
Selbst der Wirt, er fällt hinein,
Doch sein Unglück soll das sein.
Mikosch läßt sich nichts entreißen,
Tut dem Wirt die Hand abbeißen.
Wütend biß er und gewandt
Dem Wirt durch die rechte Hand.

Engglands Damen alle vier
Stehn wie Kerzen am Klavier,
Sehn das Blut, das davonläuft,
Fürchten, daß es sie ersäuft,
Und es könnt' auch Flecken machen,
Jede rettet ihre Sachen.

Kunterbunt stürzt man hinaus,
Alle vier reisen nach Haus.
Also hat der Wirt erzählt,
dem die eine Hand jetzt fehlt.
Gestern strich sie Bänke an,
Heut sie's nicht mehr tuen kann;
Nicht wahr, oft ist ein Malör
Besser, daß es gar nicht wär'.
Hätt' man doch von allen Hunden
Diesen Mikosch nie erfunden.
Diese Sache wirkt nicht heiter,
Dreyfuß sah ich noch nicht weiter,
Auch die Gräfin sah ich nicht,
Nicht des Mikosch Mordgesicht.
Hab die Sache nur gehört
Von dem Wirt, den sie gestört.

War mit Hugo im Jardin,
Las des Abends den Matin,
Ging um acht Uhr schon zur Ruh'
Und sah Dir von weitem zu,
Wie die Mulde in Deutschland
Sich im Federbett befand,
Wie die Mulde schön zu sehn,
Tut sie ohne Kleider gehn.
Wie die Mulde, satt vom Bier,
Auch im Bett aufstößt nach mir.
Also dacht' ich hin und wieder
Und vermacht' Dir meine Glieder.

Hoffentlich glückt Dir das Glück,
Und du kehrst mit Gold zurück.
Und wird davon auch nichts wahr,
Bring mir wenigstens Dein Haar.
Brenne es Dir nicht herunter,
Kehre heim, wir leben munter,
Lipp' auf Lipp' und Aug' in Aug',
Weil ich immer noch was taug'.
Liebe Mieze, küsse mich,
Stündlich denke ich an Dich.

Dein Max
der Keusche


MP3 herunterladen (3,6MB)

Dein Kommentar